Gottesdienst: wessen Erfindung?

02.08.2011 Bitte bitte liebe Geschwister, nehmt es mir nicht übel, wenn ich einige nichtreligiöse Betrachtungen über unseren sonntäglichen Alltag anstelle. Schon lange hab ich mir diesbezüglich Fragen gestellt, diese ungefiltert zu formulieren schien mir ein Sakrileg. Nachdem ich mich mit den Hintergründen und Ursprüngen befasst habe, denke ich, dass es ganz OK ist, die Dinge beim Namen zu nennen: Der Gottesdienst, den wir Sonntag für Sonntag besuchen, hat herzlich wenig mit dem zu tun, was die erste Generation von Christen lebte. Darüber, ob das eine Rolle spielt, will ich in einem anderen Beitrag schreiben.

Der typische Sonntagsgottesdienst ist eine wohl orchestrierte Veranstaltung. Zwischen protestantisch, katholisch oder evangelikal mag es bedeutende Unterschiede in Inhalt und Ton geben. Je nach Art und Grösse der Gemeinde ist die Veranstaltung bewegt bis ekstatisch, rituell bis routiniert. Die Predigt geht von der trockenen Vorlesung bis zum feurigen Peptalk. Allen gemeinsam ist aber eine klare Aufgabenteilung zwischen passiven Besuchern und aktiven „Darstellern“. Auch ist der Ablauf weitgehend im Voraus festgelegt. Im Zentrum steht die Predigt, die von einer Fachperson – meist dem Pastor, Pfarrer oder Priester – vorgetragen wird.  Wenn wir die biblischen Hinweise zu den Versammlungen der ersten Christen anschauen, erhalten wir ein ganz anderes Bild. Siehe auch mein vorangehendes Post „Schau mir in die Augen“. Da gab es kein „vorne“ und „in den Rängen“, erst recht keine Spezialisten, die für die Predigt zuständig waren. Schon das Konzept von Predigt (übrigens ein Kunstwort, das in der Bibel nicht vorkommt – darüber ein anderes mal mehr) war unbekannt. Man versammelte sich unter der unmittelbaren Leitung des Heiligen Geistes zur gegenseitigen Erbauung, zur Ermutigung und um Angelegenheiten der Gemeinde zu besprechen. Die Treffen trugen direkt dazu bei, dass unter den Gemeindemitgliedern enge Beziehungen geknüpft und erhalten wurden. Ein vom Alltagsleben getrenntes „zur Kirche gehen“ gab es damals nicht.  Warum heute? Ein kurzer Blick in die Geschichte gibt Anhaltspunkte.

Um die Zeit, als Kaiser Konstantin das Christentum zur offiziellen Religion des Imperiums machen, veränderten viele heidnische Elemente die apostolische Tradition. Der neu entstehende Klerus übernahm ähnliche Rollen wie jene der heidnischen Priesterkaste. Die informellen Treffen in den Häusern wurden nach und nach durch sonntägliche rituelle Veranstaltungen ersetzt. Aus dem Dienst an den Göttern wurde einfach ein „Dienst an Gott“. An diesen durften nur ordinierte Funktionäre das Abendmahl austeilen, die Schrift auslegen, segnen. Das ging soweit, dass die freundschaftliche Versammlung zu einer heiligen Pflicht, einem Sakrament wurde. Dessen Leiter war nicht mehr der Heilige Geist, sondern der Priester. Daran änderte auch die Reformation wenig. Der Altar wurde durch die Kanzel ersetzt, der Priester durch den lehrenden Pastor. Auch wenn nun die Gläubigen selbst in der Bibel lesen durften und sie für ihr „Seelenheil“ keinen Priester brauchten: die Sonderstellung des Klerus, der fixe Ablauf des Gottesdienstes, die passive Rolle der Besucher blieben erhalten. Selbst die späteren Erweckung und das Aufkommen der Freikirchen brachten keine Veränderung. Es gibt zwar kein Staatskirchenmonopol mehr, die religiöse Landschaft ist vielfältig geworden. Aber nach wie vor orientieren sich die Strukturen und der Gottesdienstablauf praktisch aller Gemeinden am Modell, das nach Konstantin entstand. Die Frage, die hier entscheidend ist: Hat der Heilige Geist die Gemeinde geleitet, sich so zu entwickeln – die heidnischen Einflüsse also zu akzeptieren, zum Beispiel als sinnvolle Anpassung an die heutige Gesellschaft? Oder ist ein grundlegender Paradigmenwechsel nötig?

* Aufruf (altar call) = Seit der Zeit des amerikanischen „Revivalism“ ist die Gepflogenheit aufgekommen, die Besucher einer evangelistischen Veranstaltung am Schluss der Predigt nach vorne zu rufen, um ihre Entscheidung, Jesus nachzufolgen, öffentlich zu bezeugen. Vor allem in pfingstlichen Kreisen wir der Aufruf auch im Sonntagsgottesdienst gebraucht, zum Beispiel um „auf die Predigt zu antworten“ oder einen „Entscheid festzumachen“.

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Über Shasta

Cor (Shasta) escapes to freedom, saves Archenland and Narnia from invasion, learns his true identity, and is restored to his heritage as the son of king Luna. From the book "The Horse And His Boy" by C.S. Lewis
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